Als Koblenz am Rhein Strom bekam: 140 Jahre KEVAG-Erbe
Am Anfang standen Pferde vor Straßenbahnwagen. Im Herbst 1886 wurde in Koblenz die „Coblenzer Straßenbahn-Gesellschaft“ gegründet, aus der später die Koblenzer Elektrizitätswerk und Verkehrs-AG, kurz KEVAG, hervorging. Die heutige Energieversorgung Mittelrhein, in der die KEVAG 2014 aufging, knüpft ihr 140-jähriges Jubiläum an diese frühe Phase städtischer Modernisierung.
Koblenz war damals eine Stadt im Umbau. Neue Stadtteile entstanden, Verwaltung, Militär und Industrie brauchten belastbare Infrastruktur. Mobilität war kein hübsches Zusatzthema, sondern Voraussetzung dafür, dass eine wachsende Stadt funktionierte. Energieversorgung wurde wenig später zur zweiten großen Aufgabe. Beides gehörte bei der späteren KEVAG früh zusammen.

Vom Pferdewagen zum Kraftwerk
Was mit pferdegezogenen Straßenbahnen begann, verschob sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Richtung Elektrizität. Das war damals keine Selbstverständlichkeit. Strom musste erzeugt, verteilt und technisch beherrscht werden. Mit einem eigenen Kraftwerk und der Elektrifizierung der Straßenbahn legte das Unternehmen den Grundstein für die Stromversorgung von Koblenz und dem Umland.
Das klingt heute sauber und geradlinig. War es vermutlich nicht. Infrastruktur wächst selten ohne Reibung. Technik muss bezahlt, gebaut, gewartet und erklärt werden. Gerade darin liegt der historische Kern: Die KEVAG war kein schmückendes Kapitel der Stadtgeschichte, sondern Teil jener praktischen Modernisierung, die aus Wegen, Leitungen, Fahrzeugen und Anlagen bestand. Ziemlich handfest also. Rheinisch gesprochen: Da musste einer machen.
Die KEVAG-Geschichte ist deshalb weniger Nostalgie als eine Geschichte dauernder Anpassung. Weltkriege, wirtschaftliche Krisen, technische Umbrüche und gesellschaftliche Veränderungen setzten dem Unternehmen immer wieder neue Rahmenbedingungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es um Wiederaufbau. Später veränderten sich Mobilität und Versorgung Schritt für Schritt. Auch neue Geschäftsfelder wie Telekommunikation und erneuerbare Energien kamen hinzu.

Ein Einschnitt auf Schienen
Besonders sichtbar wurde der Wandel 1967. In diesem Jahr wurde der Straßenbahnbetrieb in Koblenz eingestellt. Für viele war das Ende einer Ära. Für das Unternehmen bedeutete es zugleich eine Verschiebung seines Mobilitätsauftrags. Die Straßenbahn verschwand, der Verkehr blieb.
Solche Entscheidungen erzählen viel über Infrastrukturunternehmen. Sie stehen selten außerhalb ihrer Zeit. Sie reagieren auf technische Möglichkeiten, politische Vorgaben, wirtschaftlichen Druck und veränderte Gewohnheiten. Man kann daran auch sehen, wie schnell das, was einmal Fortschritt war, selbst historisch wird. Die elektrische Straßenbahn war einst Modernisierung. Ihr Ende wurde später ebenfalls als Modernisierung verstanden.
2014 folgte ein weiterer größerer Umbau. Aus der Fusion des Gasversorgers EVM, der Gasversorgung Westerwald und des Stromversorgers KEVAG entstand die heutige Energieversorgung Mittelrhein. Damit wurden unterschiedliche Versorgungstraditionen zusammengeführt. Der Verweis auf 1886 ist deshalb mehr als ein hübsches Datum für die Jubiläumsbroschüre. Er markiert die ältere Linie im Unternehmensgefüge.
Vorstand Mithun Basu bezeichnet die KEVAG als Teil der Unternehmens-DNA. Die Wurzeln reichten bis ins Jahr 1886 zurück. Diese lange Geschichte sei mehr als ein Jubiläum. Sie zeige, dass Verlässlichkeit kein Versprechen von heute sei, sondern ein Anspruch, den Generationen zuvor getragen hätten.

Verlässlichkeit unter Druck
Der Begriff Verlässlichkeit ist in der Energiebranche leicht gesagt und schwer eingelöst. Versorgungssicherheit entsteht nicht aus Tradition, sondern aus Netzen, Beschaffung, Erzeugungskapazitäten, Personal, Planung und Entscheidungen, die oft lange vor ihrer Wirkung getroffen werden müssen. Genau da wird die alte Geschichte plötzlich aktuell.
Die Gegenwart ist für Energieversorger unbequem. Geopolitische Krisen, schwankende Beschaffungsmärkte und die Anforderungen der Energiewende verändern das Geschäft. Christoph Hesse ordnet diese Lage in die längere Erfahrung des Unternehmens ein. Krisen habe es in jeder Zeit gegeben, sie hätten nur unterschiedlich ausgesehen. Als Beispiele nennt er Corona, die Energiekrise und die Flutkatastrophe im Ahrtal. Entscheidend sei immer gewesen, Verantwortung zu übernehmen und handlungsfähig zu bleiben.
Das ist ein Anspruch, kein Nachweis. Ob er trägt, zeigt sich nicht im Jubiläumsjahr, sondern im Alltag: bei Netzausbau, Beschaffung, Digitalisierung, Klimaschutz und neuen Formen der Energieerzeugung. Die evm beschreibt regionale Verwurzelung, langfristige Planung und Energiebeschaffung sowie den Ausbau von Netzen und Erzeugungskapazitäten als Grundlage ihrer Arbeit. Hesse zufolge wolle das Unternehmen gezielt weiterentwickelt und unabhängiger werden. Die evm verstehe sich dabei als Treiber einer nachhaltigen Entwicklung im nördlichen Rheinland-Pfalz.
Das Jubiläum funktioniert damit am besten, wenn man es nicht als Rückspiegel benutzt. 140 Jahre Unternehmensgeschichte sind kein Schutzschild gegen die Zumutungen der Gegenwart. Sie sind eher eine Erinnerung daran, dass Versorgung immer gebaut, organisiert und erneuert werden muss. Basu fasst den Anspruch so, dass sich die Technik verändert habe, der Anspruch aber nicht. Auf ihn sei seit 140 Jahren Verlass gewesen, und er gelte auch für die Zukunft.

