Branchendialog Energiewirtschaft – Gemeinsam faire Lieferketten gestalten
Die Energiebranche steht wie kaum eine andere im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichem Auftrag und globaler Verantwortung. Einerseits soll sie den Umbau des Energiesystems stemmen, Versorgungssicherheit gewährleisten und gleichzeitig Klimaziele einhalten. Andererseits verbergen sich entlang ihrer oft undurchsichtigen Lieferketten Risiken, die von Zwangs- und Kinderarbeit bis hin zu Landkonflikten in Abbaugebieten reichen. Und selbst in Deutschland geraten Baustellen für Energieprojekte immer wieder wegen Arbeitsrechtsverstoßen in die Schlagzeilen.
Angesichts dieser Gemengelage bleibt menschenrechtliche Sorgfalt kein bloßes Ideal, sondern wird zunehmend zur Pflicht. Die Vereinten Nationen und die OECD haben hierzu bereits verbindliche Leitlinien formuliert. Auf nationaler Ebene verpflichtet das seit Anfang 2023 geltende Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz Unternehmen mit mehr als 3.000 Beschäftigten dazu, menschenrechtliche Risiken systematisch zu analysieren und zu mindern. Noch weiter greift die europäische Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD), die 2024 beschlossen wurde und perspektivisch auch kleinere Unternehmen einbindet.
Doch wie lassen sich solche Anforderungen in der Praxis umsetzen? Die Antwort darauf sucht seit einiger Zeit der Branchendialog Energiewirtschaft. Hier haben sich Unternehmen, Gewerkschaften, Verbände, zivilgesellschaftliche Gruppen und Vertreter der Bundesregierung an einen Tisch gesetzt, um gemeinsam praktikable Ansätze zu entwickeln. Statt auf Symbolpolitik setzt das Gremium auf konkrete Analysen und Projekte. Eine erste branchenweite Risikoabschätzung identifizierte zentrale Problemfelder in sechs Geschäftsbereichen. Darauf aufbauend entstehen derzeit unter anderem Konzepte zur Verhinderung von Arbeitsausbeutung auf Baustellen und ein Pilotprojekt zur Renaturierung ehemaliger Bauxit-Abbauflächen in Guinea.
Die Initiative zeigt: Wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen, lassen sich auch scheinbar unüberschaubare Herausforderungen in konkrete Schritte übersetzen. Es braucht nicht immer neue Gesetze oder Sanktionen – manchmal reicht ein Tisch, an dem alle bereit sind zuzuhören.
Michael Congdon, Nachhaltigkeitsexperte und Menschenrechtsbeauftragter bei ENTEGA AG, und Dr. Christiane Hellar, stellvertretende Leiterin der Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik, erläutern im Gespräch, wie der Multi-Stakeholder-Ansatz konkrete Verbesserungen für Betroffene ermöglicht.
INTERVIEW
Sie haben sich direkt 2023 dem Branchendialog Energiewirtschaft angeschlossen. Wie kam es dazu?
Michael Congdon: Wir waren bei ENTEGA tatsächlich Vorreiter. Bereits 2012/13 hatten wir einen Selbstauskunftsfragebogen für Lieferanten entwickelt, mit ernüchterndem Ergebnis: 10 Prozent Rücklaufquote, wenn wir Glück hatten. Wir waren unserer Zeit voraus und haben neue Wege beschritten. Das war ein Beweggrund. Ich erkannte aber auch: Wenn jeder einzeln vorgeht, entsteht viel Bürokratie. Unternehmen kritisieren Bürokratie, verursachen sie aber selbst mit. Ich sagte meinem Chef, dass es effektiver wäre, wenn wir Branchenpartner fänden und gemeinsam vorgingen. Als unser Branchenpartner EnBW mit der Idee auf uns zukam, haben wir sukzessive andere Branchenpartner angesprochen und gemeinsam Workshops veranstaltet, um dem BMAS zu zeigen, dass die Energiebranche bereit für einen Branchendialogsprozess sei. Das Ergebnis nach fast drei Jahren: Das bewegt wirklich viel mehr als Einzelaktionen.
Christiane Hellar: Wir waren bereits länger mit dem BMAS in verschiedenen Formaten im Austausch und hatten dadurch einen Vertrauensvorsprung, als wir für den Branchendialog angefragt wurden. Die Energiebranche war für uns bislang eher über den Finanzmarkt interessant, aber hier bot sich eine neue Chance. Vor dem Hintergrund der zentralen Rolle der Energiewirtschaft in Deutschland empfanden wir die Branche sehr sinnvoll für einen Dialog – hoffentlich als Zugpferd für andere Sektoren.
Welche Vorteile ergeben sich für Unternehmen durch die Teilnahme am Branchendialog?
Michael Congdon: Die Hebelwirkung steigt, je größer die Gruppe und je höher deren Wirtschaftskraft ist. Gemeinsame Standards senken die Bürokratie erheblich. Stellen Sie sich vor: Zwölf Unternehmen haben jeweils einen individuellen Lieferantenkodex. Das bedeutet, Lieferanten müssen alle Kodizes prüfen, obwohl sie sich inhaltlich sehr ähneln. Wir erarbeiten gerade einen gemeinsamen Branchenstandard als Muster. Was das bedeutet, wird an einem Beispiel deutlich: ENTEGA hat über 2.500 Lieferanten bei nur 2.500 eigenen Beschäftigten – das Spektrum reicht von Trafostationen über Kabel bis zur Gebäudetechnik. Als einzelnes Unternehmen variiert unser Einfluss stark: Bei manchen Lieferanten sind wir ein wichtiger Großkunde, bei anderen nur ein kleiner Abnehmer. Aber wenn wir als gesamte Energiebranche auftreten, ändert sich das Spiel komplett. Denn viele unserer Lieferanten sind spezialisiert auf Energietechnik. Wenn die gesamte Branche an einem Strang zieht, stärkt das die Durchsetzungskraft für gemeinsame Standards.
Christiane Hellar: Für uns ist entscheidend: Unternehmen können in einem sicheren Rahmen hören, was andere Stakeholder sagen, gleichzeitig bekommen sie sehr ehrliche Informationen von der Situation vor Ort. Es geht nicht um Schuldzuweisung, sondern um eine konstruktive Haltung. Als Zivilgesellschaft können wir auch als Frühwarnsystem dienen. Wenn bei uns neue Risiken aufpoppen, kommen diese Informationen schnell zu den Unternehmen.
Die Mitglieder des Branchendialogs Energiewirtschaft engagieren sich zum Beispiel beim Bauxitabbau in Guinea, einem Rohstoff für die Herstellung von Aluminium. Guinea gilt als wichtigstes Lieferland für Deutschland. Wie funktioniert das in der Praxis?
Michael Congdon: Dieses Projekt ist erst möglich geworden durch das Netzwerk deutscher NGOs mit Partnerorganisationen vor Ort in Guinea. Die guineischen NGOs pflegen engen Kontakt mit lokalen Akteuren, die vom Bauxitabbau betroffen sind. So bekommt unser Branchendialog direkte Rückmeldungen zur tatsächlichen Situation vor Ort. Externe Dienstleister mit Personal vor Ort koordinieren alle Beteiligten: NGOs, Minenbetreiber, lokale Akteure, politische Vertreter und die Mitglieder unseres Branchendialogs. Dieser vielschichtige Austausch führt zu konkreten Vorschlägen für ein Pilotprojekt, das dabei helfen soll, die Flächen des Bauxitabbaus wieder zu rehabilitieren. Das stärkt die Menschenrechte in Gemeinden, die durch den Abbau verdrängt oder in ihrer Nutzung des Landes eingeschränkt waren. Die Gemeinden erhalten dadurch die Möglichkeit, ihre Flächen wieder zu nutzen und ihre Lebensgrundlagen eigenständig aufzubauen.
Christiane Hellar: Bei der Auswahl der Gemeinden merken wir, wie entscheidend Zeit und lokale Netzwerke sind. Wir kennen das „Low Hanging Fruit Syndrome“, also die Gefahr, dass immer dieselben zugänglichen Gemeinden von Maßnahmen profitieren, während andere übersehen werden. Echte Partizipation bedeutet nicht nur, Informationen zu verteilen. Es heißt wirklich zuzuhören, Zugang zu schaffen und das Gehörte zurückzuspielen.
Wie wichtig ist die Beteiligung der Bundesregierung für den Erfolg der Zusammenarbeit?
Michael Congdon: Anfangs dachte ich, wir könnten einfach loslegen. Aber so einfach ging es nicht: Menschen brauchen eine Vertrauensbasis. Wir haben alle unterschiedliche Wertevorstellungen. Die Bundesregierung hat praktisch diese Brücke für uns gebaut, um Vertrauen herzustellen. Nach fast drei Jahren ist diese Basis wesentlich stärker geworden. Im Ausland kann die Regierung mit ihren politischen Kontakten und Programmen verschiedene Akteure zusammenbringen und Pilotprojekte ermöglichen.
Christiane Hellar: Deutschland und Europa stellen bedeutende Märkte dar. Wenn also die Bundesregierung aktiv zu einem Dialog einlädt, haben zivilgesellschaftliche Organisationen eine andere Ausgangsposition, als wenn sie selbst dazu einladen. Das können wir sowohl im Inland als auch im außereuropäischen Kontext noch besser nutzen.
Ein zentrales Ergebnis des Branchendialogs ist die Erarbeitung eines Dokuments, das ein gemeinsames Verständnis der menschenrechtlichen Risiken in den Lieferketten der Energiewirtschaft dokumentiert. Welche Vorteile bringt das?
Michael Congdon: Durch das Risikoprofil haben wir ein gemeinsames Verständnis für potenzielle Risiken in unseren Fokussegmenten entwickelt: Wind, Solar, Batterie, Stromverteilnetze, Wasserstoff, Erdgas. Wir können Risiken zusammen priorisieren und als Branche angehen. Einzeln haben wir oft wenig Einflussvermögen, zusammen erhöhen wir die Wirkung erheblich.
Christiane Hellar: Wir haben uns anfangs schwergetan und gedacht: „Eine Risikoanalyse muss vor dem Hintergrund des Gesetzes doch jedes Unternehmen einzeln machen.“ Aber dann merkten wir den Vorteil. Es entstand ein Schutzraum, weil die Risiken gemeinsam erarbeitet wurden. Es war schwierig genug, die menschenrechtlichen Probleme so konkret benannt zu sehen. Aber es war einfacher in der Gruppe, weil nicht jedes Unternehmen sofort für alle identifizierten Risiken verantwortlich gemacht wird. Das Risikoprofil steht übrigens auch anderen Unternehmen zur Verfügung – wir sehen bereits, dass Akteure wie das BAFA darauf zugreifen und damit arbeiten.
Wie kann der Branchendialog über die beteiligten Unternehmen hinaus wirken?
Michael Congdon: Eine wichtige Rolle spielen Verbände, wie zum Beispiel unser Branchenverband der BDEW. Er ist auch im Branchendialog vertreten. Der BDEW kann in unserem Fall als Multiplikator sukzessive verschiedene Themen, die wir zwölf Unternehmen erarbeiten, in die gesamte Branche tragen. Außerdem planen wir einen Lieferantenworkshop, wo alle gemeinsam mit Kabellieferanten und anderen über die Initiative sprechen: Was gehen wir als Nächstes an? Wo möchten sie andocken?
Christiane Hellar: Unser Grundziel ist, dass wir Strahlkraft über die direkt involvierten Akteure hinaus bekommen und den Hebel weiter ausdehnen. Wir entwickeln eine Art Toolbox mit Instrumenten, die wir kennen und haben. Dabei denken wir an gemeinsame Beschwerdemechanismen oder branchenübergreifende Ansätze, denn die Bedingungen sind oft systemisch ähnlich, egal ob in der Textil-, Automobil- oder Energiebranche. Unternehmen, die das interessiert, können relativ niedrigschwellig Zugang haben und sich Informationen aneignen.
Was würden Sie Unternehmen raten, die beim Thema menschenrechtliche Sorgfaltspflichten noch zurückhaltend sind?
Christiane Hellar: Keine Angst haben. Wir erleben häufig diese Sorge: „Wenn wir tiefer in die Lieferkette schauen, was passiert dann?“ Die Befürchtung ist, dass die sprichwörtliche Büchse der Pandora aufgeht, man überfordert ist und wirtschaftlich nicht mehr bestehen kann. Es herrscht eine große Sorge vor der Komplexität. Darauf zu vertrauen, dass man mit begründeter Priorisierung konkrete Probleme adressieren kann, ohne alle Risiken und Herausforderungen lösen zu müssen, ist ein entscheidender erster Schritt.
Michael Congdon: Traut euch, Partner zu suchen. Nach einer anfänglichen Phase, in der man Vertrauen aufbaut, ist die Zusammenarbeit effizienter und effektiver. Die verschiedenen Perspektiven führen außerdem zu besseren Lösungen. Auch als Einzelunternehmen kann ich zwar eine Lösung finden, aber durch die verschiedenen Blickwinkel von NGOs, Gewerkschaften und anderen Stakeholdern habe ich einfach mehr Möglichkeiten und erreiche bessere Ergebnisse. Wir sind daher allen Personen, die zum Erfolg des Branchendialogs beigetragen haben, sehr dankbar.

