Polen treibt die Energiewende voran – und die Industrie zieht mit

Nicht nur in Deutschland, auch in unserem Nachbarland Polen suchen Staat und Wirtschaft nach Wegen aus der Abhängigkeit von fossilen Energien. Dabei hat Europas größter Kohleproduzent eine formidable Kehrtwende vollzogen. Das für seine Kohleförderung kritisierte Land investiert massiv in erneuerbare Energien – und die Industrie zieht mit. Ein Beispiel ist Budimex. Polens größter Baukonzern. Das Unternehmen, das mit Infrastrukturprojekten viel Geld verdient, will das künftig klimaneutral tun und sich mit Windkraft und Ökostrom auch gleich neue Geschäftsfelder erschließen.

Eine von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2018 veröffentlichte Studie zur Luftverschmutzung in Europa stellte Polen ein sehr schlechtes Zeugnis aus. Danach erreichte das Land mit einer durchschnittlichen Schadstoffkonzentration von 19 Mikrogramm pro Kubikmeter den mit Abstand schlechtesten Wert. Zum Vergleich: Deutschland kam „nur“ auf 13 Mikrogramm. Im Städtevergleich lagen 36 der 50 am stärksten von der Luftverschmutzung betroffenen Metropolen in Polen, 72 Prozent der polnischen Städte verstießen sogar gegen die – im Vergleich zur WHO – weniger strengen Luftqualitätsziele der EU.

Es mag auch diese, für die Außenwirkung des Landes verheerende Studie gewesen sein, die in Polen einen Paradigmenwechsel bewirkte. Seit dem EU-Beitritt 2004 investierte das Land vorrangig in den Ausbau seiner Infrastruktur, bewertete Verkehr- und Warenfluss höher als Klima und Umwelt. Von den westlichen Nachbarn häufig als Dreckschleuder oder Klimasünder tituliert, läutete ausgerechnet die nationalkonservative PiS-Partei – die Grünen spielen in Polen keine Rolle – die Energiewende ein. Zwar bekannte sich die PiS nicht zur EU- Vorgabe der Klimaneutralität bis 2050, sie gründete aber ein Klimaministerium und legte ein Programm (PEP 2040) vor, mit dem der Anteil von Kohle an der Stromerzeugung bis 2030 von 80 auf unter 56 Prozent gesenkt werden soll. Im gleichen Zeitraum soll der Anteil der erneuerbaren Energie mehr als verdoppelt werden und auf mindestens 23 Prozent steigen.    

Bildquelle: Budimex
Bildquelle: Budimex

Erreichen will das die Regierung durch den massiven Ausbau von Windkraft und Solarenergie. Entsprechende Projekte, die bis 2027 geplant sind, haben einen Umfang von insgesamt 13 Gigawatt, drei Gigawatt sollen aus Windkraft generiert werden. Nicht nur der Staat treibt die energetische Transformation voran, auch die Industrie zieht mit. Denn der Emissionshandel kostet energieintensiven Unternehmen viel Geld, und Unternehmer wie Artur Popko, Konzernchef bei Budimex, haben erkannt, dass sich mit den Erneuerbaren nicht nur Geld sparen, sondern auch verdienen lässt: „In der Energiewende liegt ein großes Potenzial, an dem wir aktiv teilhaben wollen.“

Der Zugang zum Geschäft mit erneuerbaren Energien gelang Budimex durch den Kauf der Magnolia Energie, die auf die Entwicklung erneuerbarer Energien spezialisiert ist. Magnolia baut in der Nähe von Posen einen Windpark mit zwei Turbinen und einer Gesamtleistung von sieben Megawatt. „Nach Abschluss der Bauarbeiten werden wir bereits 2023 mit der Produktion von grüner Energie beginnen“, erklärt Artur Popko.

Ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Produzenten grüner Energie ist ein Memorandum of Understanding, das Budimex mit dem französischen Energieerzeuger EDF Renewables abgeschlossen hat. Darin verständigen sich beide Seiten, bei der Entwicklung neuer Offshore-Windparks in der Ostsee zusammenzuarbeiten und entsprechende Investitionen zu tätigen. Die polnische Regierung hatte im Frühjahr 2022 Konzessionen für elf neue Offshore-Gebiete ausgeschrieben. Unter den rund 20 Bewerbern sind auch internationale Unternehmen, darunter EDF Renewables. Die Chance, eine der begehrten Konzessionen zu erhalten, steigt durch die Einbeziehung eines polnischen Partners. Eine Entscheidung über die Vergabe der Konzessionen steht noch aus.

Der Bau von Windparks in der Ostsee bringt Polen bei der energetischen Transformation einen weiteren Schritt voran. Bis 2030 könnte das Land rund 16 Prozent seines Strombedarfs mit Windenergie abdecken. Bisher sind es nur zehn Prozent, die ausschließlich durch Windkraftanalgen an Land gewonnen werden. Insbesondere die Hafenstädte Danzig und Gdynia könnten von den Offshore-Windparks profitieren.

Als Erzeuger grünen Stroms will Budimex künftig auch die Elektromobilität in Polen vorantreiben und dadurch ein weiteres neues Geschäftsfeld erschließen. Die Vereinbarung mit dem Unternehmen Elocity, das selbst 280 Ladestationen in Polen betreibt, erlaubt Budimex den Bau und Betrieb eigener Ladestationen unter Nutzung der Elocity-Software. Binnen zwei Jahren sollen so mehr als 100 öffentlich zugängliche Ladestationen entstehen, auf die Nutzer über die Elocity-App zugreifen können. „Wir setzen seit Jahren Standards in der Baubranche, jetzt ist die Zeit für neue Herausforderungen. Nach den Investitionen in Offshore-Windparks ist der Einstieg in die Elektromobilität folgerichtig“, so Cezary Łysenko, Direktor für Infrastrukturbau bei Budimex.

Zwar fahren derzeit nur 41.000 von 25 Millionen zugelassener Pkw in Polen elektrisch. Allerdings sitzt Europas größer Produzent von Batterien für Elektroautos in Breslau. 10.000 Menschen arbeiten dort. Die Elektromobilität gilt als Jobmaschine. Auch wenn das von der Regierung vorgegebenen Ziel, bis 2025 eine Million Elektroautos auf die Straße zu bringen, wohl verfehlt werden wird, gehört der grünen Mobilität auch in Polen die Zukunft. Haupthindernis auf dem Weg dorthin ist die fehlende Ladeinfrastruktur. In ganz Polen gibt nur 2000 Ladestationen. Der Baukonzern Budimex hat also auch hier aufs richtige Pferd gesetzt.

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